Lehren aus der Corona-Krise: Acht Experten, vier Trends

Kürzlich haben wir acht Persönlichkeiten aus der Immobilienbranche gefragt, wie sie und ihre Unternehmen der Corona-Krise die Stirn bieten. Die Antwort war überwältigend und zeigt deutlich, dass die Immobilienbranche in schwierigen Zeiten zusammenhält. 

Aus den Meinungen dieser acht führenden Immobilien-Persönlichkeiten haben wir vier wichtige Trends identifiziert:

Unsicherheit als größte Herausforderung

Sollte die Krise länger dauern oder sich gar verschärfen, kann es verheerend sein, noch weiter abzuwarten. Umgekehrt könnte ein zu frühes Umstellen in den Überlebensmodus eine kommende Aufschwungphase abwürgen. ” Jan Eckert

Die größte Herausforderung liegt in der Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie und den damit verbundenen strategischen und operativen Entscheidungen. Zukünftige Entwicklungen werden die Geschäftskontinuität beeinträchtigen.

Takeaway: Eine sinnvolle Risikobewertung sowie ein gutes Krisenmanagement sind ein wichtiger Schritt in die richtige RIchtung.

Menschliche Qualitäten wichtiger denn je

Der Mensch weiss erst was er hatte, wen er es verloren hat. All das Zwischenmenschliche, das gemeinsame Besprechen von Themen bei einem schnellen Espresso oder längeren Lunch fehlen dann doch. Die Situation lässt einen das, was früher als normal und alltäglich galt, in einem neuen, hellerem Licht erscheinen.” Peer Kocur

Die Situation zeigt, dass trotz schwieriger Bedingungen der zwischenmenschliche Austausch ein zentraler Aspekt ist, um die Krise durchzustehen.

Takeaway: Eine Krise kann emotionale Nähe, Solidarität, Kommunikation und Teamgeist verstärken und verbessern, was in schwierigen Zeiten zu unglaublichen Erfolgen verhelfen kann.

Organisatorische Stärken kommen zum Vorschein

Die Krise ist ein riesengrosser Katalysator für die Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft – sie ist nun keine Frage des Wollens mehr, sondern unabdingbar für das Überleben aller Unternehmen.“ Peter Staub

Wenn digitale und dezentrale Organisationsstrukturen bereits im Unternehmen etabliert sind, konnten alle Prozesse ohne Produktivitätseinbußen reibungslos auf das Home-Office umgestellt werden.

Takeaway: Bereits erkannte Chancen der Digitalisierung zahlen sich aus. Dank digitaler Prozesse konnten Unternehmen die Geschäftskontinuität sichern oder sogar die Effizienz steigern.

Opportunities ahead

Zum Glück hatten wir uns bereits vor der Krise zum Ziel gesetzt, die Nutzung neuer Technologien und die Digitalisierung voranzutreiben. Wir sind natürlich noch lange nicht am Ziel und haben auch einige Stolpersteine bemerkt, was etwa die Prozessoptimierung angeht. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.“ Marcelo Collins

Eine Krise offenbart die Schwäche einer Organisation, zeigt aber gleichzeitig das Potenzial für Innovationen und Verbesserungen auf.

Takeaway: Die Chance liegt darin, noch mehr Prozesse zu digitalisieren, um verborgene Möglichkeiten zu erschließen: Die Mitarbeiter müssen weniger reisen, neue innovative digitale Lösungen werden sich mit der Zeit entwickeln und ein stärkerer Teamgeist kann entstehen.

Interview Zusammenfassung

Acht Interviews haben wir in der Serie „Sars-Cov-2 die Stirn bieten“ geführt. Eine kurze Synopsis jedes Interviews fasst die wichtigsten Aussagen zusammen.

1. Jan Eckert, CEO bei JLL Schweiz

Die grösste Herausforderung für sein Unternehmen sieht Jan Eckert in der Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Krise und den damit verbundenen strategischen und operativen Entscheidungen.

So könnte die Krise länger andauern oder sich gar verschärfen. Dann könne es verheerend sein, weiter abzuwarten. Umgekehrt könne ein zu frühes Umstellen in den Überlebensmodus eine kommende Aufschwungphase abwürgen. Was richtig (gewesen) wäre, könne wohl erst rückblickend beurteilt werden.

“Positiv sind sicherlich die Hilfsbereitschaft und Motivation unserer Mitarbeitenden, welche unter erschwerten Bedingungen jeden Tag versuchen ihr Bestes zu geben und es so auch schaffen, selbst in dieser schwierigen Zeiten Erfolge zu erzielen.”

Jan Eckert rechnet damit, dass auch in einem Jahr noch mit Reiseeinschränkungen gerechnet werden muss. Für einen internationalen Konzern wie JLL bedeute dies, dass anstelle von Geschäftsreisen vermehrt Telefonkonferenzen und -workshops durchgeführt werden.

Lesen Sie hier das Interview.

2. Marcelo Collins, Geschäftsführer bei Viva Real

Marcelo Collins setzt grosse Hoffnung in die Digitalisierung. Er selbst habe bei Viva Real bereits lange vor der Krise die Chancen der Digitalisierung erkannt und Dank digitaler Prozesse die tägliche Arbeit schnell und unkompliziert auf Home Office verlegen.

“Es ist spannend zu erkennen, dass in einer Krise wie dieser die Schwachstellen unserer Prozesse zutage treten, weil es uns zeigt, wo wir noch besser werden müssen.”

Marcelo Collins sieht auch Chancen, die sich aus der Corona-Krise ergeben. So könne ein KMU wie Viva Real unter Beweis stellen, dass es in Bezug auf die Digitalisierung in der Immobilienbranche schon einen grossen Schritt voraus sei. In einer solchen Situation zeige sich umso deutlicher: Die Digitalisierung bringe entscheidende Vorteile für KundInnen.

Die wichtigste Vorbereitung für die Zeit nach Corona ist aus seiner Sicht, als Unternehmen wachsam und agil zu bleiben und zu lernen, Risiken besser einzuschätzen und mit diesen besser umzugehen.
Lesen Sie das ganze Interview.

3. Peer Kocur, Leiter Portfolio Management Immobilien Schweiz bei Migros-Pensionskasse

“Herausfordernd werden Besprechungen, bei denen zum Beispiel Grundrisse optimiert werden sollen (Sanierungen, Projektentwicklungen), bei denen „früher“ mit dem Stift im Plan skizziert werden konnte.”

Dank einer bestehenden Organisation für Notfälle sei die Migros-Pensionskasse gut auf eine Ausnahmesituation, wie die Corona Krise vorbereitet gewesen, erzählt Peer Kocur. Innerhalb der Migros-Gruppe habe ein Krisenstab mit Vertretern aus den unterschiedlichen Bereichen, die notwendigen Massnahmen eingeleitet. So konnte im Grossen und Ganzen der Betrieb konnte aufrecht erhalten werden.

“Zu keinem Zeitpunkt in der Vergangenheit waren die unterschiedlichen Märkte so verwoben wie heute. Die sich hieraus ergebenden Gefahren des weiteren Verlaufs der Pandemie und der wirtschaftlichen Auswirkungen auf unsere Mieter seien sehr schwer abzuschätzen.“

Zuletzt gibt Peer Kocur noch spannende Denkanstösse für langfristige Veränderungen, die die Krise mit sich bringen könnte:

  • Braucht es beschwerliche Dienstreisen, wenn es auch per Webkonferenz funktioniert?
  • Wenn auch ausserhalb des Büro gearbeitet werden kann, wieso sollte man diese nicht aufgeben? So wären Unternehmungen in der Lage, ihre Fixkosten schlanker zu gestalten.

Peer Kocur vermutet auch, dass die Krise ein Katalysator für diverse bereits bekannte Themen sein wird: E-Learning, Online-Handel, Digitalisierung der Unternehmungen, Gemeinden und weiteren Dienstleistungen.

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4. Dr. Peter Staub, Gründer und CEO von pom+

Pom+ habe bereits lange vor der Coronakrise die Unternehmensdigitalisierung zur Priorität erhoben, erzählt Peter Staub. So hätten sie innerhalb von 24 Stunden alle 86 Arbeitsplätze ins Home Office verlegt, die Telefonsysteme geregelt und sämtliche Austauschmeetings online organisiert.

“Ich freue mich, dass der Spirit im Unternehmen unverändert hoch ist.”

Die letzten Wochen hätten gezeigt, dass die Umstellung auf eine virtuelle Arbeitsumgebung dann am unkompliziertesten verlaufe, wenn bereits eine Vertrauensbasis besteht. Dies bestätigte ihm, dass man seinen Auftraggebern und Kundenbeziehungen Sorge tragen und dem persönlichen Austausch einen grossen Stellenwert einräumen müsse.

“Die Krise ein riesengrosser Katalysator für die Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft – sie ist nun keine Frage des Wollens mehr, sondern unabdingbar für das Überleben aller Unternehmen.”

Peter Staub erwartet, dass dem Infrastruktur- und Betriebsmanagement künftig eine neue Bedeutung zukommen werden. Vermutlich würden die Themen Flächennutzung und Raumplanung künftig vermehrt in den Fokus rücken, nachdem alle nun viele Wochen in den eigenen vier Räumen verbracht haben.

“Ganz nach dem Motto von Winston Churchill: “Never let a good crisis go to waste”

Das Interview in Gänze.

5. Julien Fersing, CEO von SWISSROC Building Intelligence

„In diesem neuen Jahrzehnt werden die Immobilien- und Bauindustrie einige tiefgreifende Veränderungen erfahren. Wir könnten diese Krise als einen Aufschwung für unsere alte, auf Effizienz bedachte Branche begreifen.“

Julien Fersing empfiehlt, dass man mehr Zeit darauf verwenden solle, interne Prozesse zu evaluieren und nach alternativen Lösungen zu suchen. So habe sich etwa für SWISSROC gezeigt, dass die meisten Sitzungen über Konferenzschaltungen in kürzerer Zeit durchgeführt werden können, indem sich alle auf klare Ergebnisse konzentrierten.

“Ich bin auch der Meinung, dass wir unsere Ausgaben häufiger evaluieren und uns um Einsparungen bemühen sollten, unabhängig davon, wie die Cash-Flow-Situation ist. Gleichzeitig sind mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung der Schlüssel zur weiteren Wettbewerbsfähigkeit.”

Julien Fersing glaubt, dass COVID-19 die Immobilienbranche stark dazu ermutigen wird, neue Technologien wie BIM/VDC einzuführen. Damit sei es möglich, auch aus der Ferne an einem Projekt zu arbeiten.

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6. Patrick Schmid, CEO bei ImmoSparrow

Patrick Schmid hofft, dass die Kunden von ImmoSparrow – zu einem wesentlichen Teil Immobilienmakler – schnellstmöglich wieder in eine Art Normalbetrieb gehen könnten. Dies sei allerdings nur möglich, wenn die Menschen wieder vermehrt Lust und auch die Möglichkeit hätten, eine Immobilientransaktion in Angriff zu nehmen, sei es auf Käufer- oder Verkäuferseite. Letztendlich sei also die Unsicherheit der Bevölkerung die grösste Herausforderung.

“Jede Krise eröffnet Chancen und kann ungeahnte Kräfte freisetzen. So konnten wir in Zusammenarbeit mit einem Partner in sehr kurzer Zeit ein neues digitales Produkt entwickeln und auf den Markt bringen.”

Die Krise bringe sehr deutlich ans Tageslicht, was sich digitalisieren lasse und was nicht. Bereiche, die nicht digitalisierbar sind, würden jetzt sehr leiden, sich aber wieder erholen. In Branchen, die digitalisierbar sind, werde eine Verlagerung stattfinden. Und dann gebe es noch Fälle dazwischen.Patrick Schmid erwartet, dass für Letztere zunehmend neue Lösungen entstehen würden, die den wichtigen persönlichen Kontakt mit der Digitalisierung kombinieren.

Lesen Sie das gesamte Interview hier.

7. Markus Stadler, Mitgründer und COO von PriceHubble

Nach dem Sars-Cov-2 Ausbruch habe Markus Stadler festgestellt, dass der Informationsbedarf der Bevölkerung zu Fragestellung rund um die Immobilie (wie z.B. Werthaltigkeit, wie entwickelt sich der Markt, etc.) gestiegen sei. Die Nachfrage der B2B Kunden nach webbasierten Produkten, sowie nach Analysen, die Sicherheit und faktenbasierte Grundlagen zum öffentlichen Diskurs beitragen sei sehr hoch. Dieser Trend gelte für alle Standorte, das heisst in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich und Japan.

“Einen Monat nach Lockdown ist bei Miet- sowie Verkaufsangeboten auf Online-Plattformen ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Unsicherheit und erschwerte Vermarktungssituationen dürften hierfür die Gründe sein. Lösungen wie unsere, die digital einsetzbar sind, können für z.B. Makler in dieser Situation besonders hilfreich sein.”

PriceHubble setzt auf einen dynamischen Produktentwicklungsprozess der es erlaube, schnell auf sich möglicherweise ändernde Anforderungen einzugehen und diese umzusetzen. Zudem sieht Markus Stadler, dass eine Krise den Teamspirit sogar noch intensivieren und verbessern könne:
“Wer eine Krise als Team erfolgreich gemeinsam übersteht entwickelt aus unserer Sicht ein noch stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl – wir bauen auf dieser Dynamik auf.”

Das ganze Interview

8. Roman Schneider, CCO von Archilyse

Die grösste Herausforderung sieht Roman Schneider darin, die richtige Balance zu halten zwischen weiterem Aus- und Aufbau und einem, auf eine längere wirtschaftliche Schwächephase ausgerichteten Vorgehen. 

“Ich denke, vielen unserer Kunden und Prospects geht es genauso und das spüren wir nun z.B. bei der Lead Generierung. Dennoch darf man eine unternehmerische Zuversicht nicht verlieren. Gerade wir PropTechs können der Immobilienbranche ja auch helfen, den Schritt in die «neue Normalität» – ein grässlicher Begriff – zu machen und die vorhandenen Chancen zu ergreifen.”

Was sich verändern wird. Roman Schneider wagt drei Prognosen:

  1. Viele Unternehmen hätten nun verstärkt auf E-Commerce gesetzt. Die laufende Entwicklung der «Disintermediation» dürfte sich dadurch verstärken, was den bereits unter Druck stehenden Handel zusätzlich treffe und damit den Druck auf die Retailflächen vergrössern werde.
  2. Im Bereich des Corporate Real Estate werde sich die Frage stellen, inwiefern mit offenen Bürokonzepten weiter gefahren werden kann. Denn die kollektive Erfahrung, dass Home Office doch funktioniere, werde einen massgeblichen Einfluss auf den Bedarf, aber auch die Qualität von Flächen haben.
  3. Nach der Erfahrung, drei Monate mit der ganzen Familie in einer Stadtwohnung zu verbringen, werde vermutlich auf dem Wohnungs- und Häusermarkt eine verstärkte Nachfrage nach mehr Raum und mehr Qualität aufkommen.

Das ganze Interview mit Roman.

Vielen Dank an alle Experten für diese interessanten Einblicke und die grossartige Unterstützung!

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