Archilyse fragt: Wie kann die Immobilienbranche Sars-Cov-2 die Stirn bieten?

Interview mit Roman Schneider, CCO von Archilyse

Roman Schneider ist CCO bei Archilyse, einem Unternehmen, das sich auf die Digitalisierung und Analyse von Immobilien spezialisiert hat. Ihre Lösungen verbessern Entscheidungen und Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Immobilien. Im letzten Interview unserer Serie spricht Roman darüber, wie er und Archilyse auf die, durch den Corona-Ausbruch ausgelösten Maßnahmen, reagiert haben. Er erzählt uns auch, wie er und das Archilyse-Team mit der aktuellen Situation umgehen und was sie daraus gelernt haben.

In der Interviewreihe „Standing up to Sars-Cov-2“ stellen wir Persönlichkeiten aus der Immobilienbranche vor. Wir wollen den Austausch fördern und alle Akteure der Immobilienbranche ermutigen, in dieser herausfordernden Zeit stark zu bleiben und zusammenzustehen.

1. Auf welche Weise waren und sind Sie als Unternehmen vom Sars-Cov-2 Ausbruch am stärksten betroffen (Auftragsrückgang, Einstellung des Betriebs etc.)?

Zunächst einmal waren wir durch die Verlagerung aller Aktivitäten ins Home Office betroffen. Das stellte zwar an sich für uns, aufgrund Grösse und Zusammensetzung des Teams, kein Problem dar, veränderte aber doch die Prozesse und die Zusammenarbeit. Insbesondere die Mitarbeiterführung wurde anspruchsvoller.  Alles, was vorher über den Tisch oder auf dem Flur geklärt wurde, musste nun über digitale Kommunikationskanäle besprochen werden.

Auf Sales und Marketing hatte der Lockdown natürlich die Auswirkung, dass physische Meetings und Events nicht mehr stattfanden, respektive ebenfalls über die digitalen Kanäle laufen mussten. Deshalb funktionierten wir unser geplantes Business Breakfast kurzerhand in ein Webinar um.

Auftragsseitig lief das Schwungrad zunächst wie gewohnt weiter. In der ersten Phase spürten wir kaum einen Einfluss. Allerdings hat sich in der Zwischenzeit dann doch gezeigt, dass viele potenzielle Kunden ihre Projekte «on hold» gesetzt haben und auch Meetings und Workshops entsprechend vertagt wurden.

2. Welche Massnahmen (technische, organisatorische, kundenspezifische) wurden in Ihrem Unternehmen ergriffen? Welche Tipps können Sie anderen aufgrund der damit gemachten Erfahrungen geben?

Als Tech-Startup sind wir grundsätzlich gut auf Home Office vorbereitet und auch Remote Work über den ganzen Kontinent hinweg war bereits vor der Krise bei uns völlig normal.

Als sich der Lockdown aber abzuzeichnen begann, haben wir dafür gesorgt, dass alle Mitarbeitenden von zuhause aus arbeiten konnten. Wir haben früh die Vorgabe gemacht, dass alle wichtigen Unterlagen und Werkzeuge, wie z.B. der persönliche Laptop, immer mitgenommen werden, damit wir quasi über Nacht auf Home Office umstellen können – und so kam es dann leider auch.

Doch dadurch konnten wir ohne Unterbruch weiterarbeiten und ich darf auch sagen, dass unser Team toll auf die Situation reagiert hat. Wir haben sogar einen leichten Peak in der Produktivität unserer Mitarbeiter gesehen.

Natürlich hatten und haben wir ein Auge auf unsere Ausgaben und verhängten aufgrund der entstandenen Unsicherheit einen kompletten Einstellungsstop. Zudem überprüften wir alle CAPEX Massnahmen und schränkten diese, wo sinnvoll, auch ein.

Wie bei wohl allen Firmen prüften wir auch Kurzarbeit, haben uns dann aber bewusst dagegen entschieden, da es in unserem Fall keinen Sinn gemacht hätte. Alle unsere Mitarbeiter sind vollends ausgelastet, wir haben einen langen Backlog an Aufträgen und wollen uns auch dediziert auf die Phase nach dem Lockdown vorbereiten. Entsprechend wurde bei uns nach wie vor voll gearbeitet.

3. Welche Herangehensweise hatten Sie? Haben Sie z. B. in unterschiedlichen Szenarien oder Zeithorizonten gedacht? Welche Informationsquellen oder methodischen Ansätze haben Sie gewählt?

Natürlich verfolgten wir die Entwicklung in den Medien und stützten uns vor allem auf die offiziellen Informationen der Regierung und des BAG. Zudem unterstützen uns einige unserer Investoren mit Informationsmaterial und Tipps.

Wir erarbeiteten ein internes Positionspapier, in dem wir versuchten, alle relevanten Punkte zu erfassen und daraus verschiedene Szenarien mit unterschiedlichen Zeithorizonten abgeleiteten. Das half uns, innerhalb des Managements eine einheitliche Sichtweise zu entwickeln und entsprechende Massnahmen ab- und einzuleiten.

4. Was würden Sie heute mit Rückblick auf die letzten Wochen anders machen? Welche Erkenntnisse können Sie bereits jetzt daraus ziehen?

Ich glaube, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten sehr gut agiert und auch die Flexibilität, die wir aufgrund unserer aktuellen Grösse noch haben, gut gespielt haben.

Die Kommunikation, das Mitnehmen des ganzen Teams, in einer solchen Situation ist immer eine grosse Herausforderung, insbesondere weil wir in einer Phase des Teamaufbaus sind und deshalb einige neue Teammitglieder hatten – diesem Umstand würde ich nachträglich mehr Aufmerksamkeit widmen.

5. Wo liegen für Sie nun die grössten Herausforderungen respektive Bedrohungen in der aktuellen Situation? Wie gehen sie mit diesen um?

Die Balance zwischen weiterem Aus- und Aufbau, um dann, «wenn es wieder los geht» bereit zu sein und einem vorsichtigen, auf eine längere wirtschaftliche Schwächephase ausgerichteten Vorgehen, ist sicherlich eine Herausforderung. Welche Investitionen sind nötig und machen Sinn? Wo hält man sich lieber noch zurück?

Ich denke, vielen unserer Kunden und Prospects geht es genauso und das spüren wir nun z.B. bei der Lead Generierung. Dennoch darf man eine unternehmerische Zuversicht nicht verlieren. Gerade wir PropTechs können der Immobilienbranche ja auch helfen, den Schritt in die «neue Normalität» – ein grässlicher Begriff – zu machen und die vorhandenen Chancen zu ergreifen.

6. Gibt es positive Aspekte, die Sie dieser Krise abgewinnen können? Welche Chancen ergeben sich?

Zum einen bin ich begeistert von unserem Team. Die haben sich in dieser Zeit richtig reingehängt und wir konnten, trotz erschwerten Umständen viele wichtige Schritte machen.

Generell sehe ich, dass das Thema Digitalisierung in der Immobilienindustrie durch die Krise Aufwind erfahren hat, ich bin gespannt, wie hier die gemeinsame Reise weitergeht.

Spürbar war für mich auch ein Zusammenrücken und eine stärkere Solidarität, vielleicht kann man auch sagen, dass ein bisschen mehr Menschlichkeit Einzug gehalten hat. Das «bleib gesund» war z.B. keine leere Floskel mehr.

7. Reisen wir in die Vergangenheit vor der Krise – Welche Tipps würden Sie sich aus heutiger Sicht selbst geben?

Eindeutig, dass ich auch die Spesenbelege aus dem Büro mitnehmen soll… und ja, noch eine Ersatzgasflasche für den Grill…

8. Reisen wir in die Zukunft und denken wir uns in den April 2021 – Was wird sich durch diese Krise nachhaltig verändert haben?

Hoffen wir mal, dass dann die Krise auch wirklich vorbei ist. Ich glaube, dass Krisen selten wirklich neue Trends und Entwicklungen hervorbringen. Allerdings werden bereits bestehende Veränderungsprozesse verstärkt und beschleunigt. Das dürfte wohl auch der Fall sein, was die Digitalisierung der Immobilienindustrie angeht.

Und da sehe ich verschiedene mögliche und tiefgreifende Veränderungen.

Ich wage mich einmal an drei Beispiele:

  1. Viele Unternehmen haben nun den direkten Weg zum Kunden gesucht und verstärkt auf E-Commerce gesetzt. Die laufende Entwicklung der «Disintermediation» dürfte sich dadurch verstärken, was den bereits unter Druck stehenden Handel zusätzlich trifft und damit den Druck auf die Retailflächen vergrössert.
  2. Im Bereich des Corporate Real Estate wird sich die Frage stellen, ob und wie mit offenen Bürokonzepten weiter gefahren werden kann, in Zusammenhang mit der kollektiven Erfahrung, dass – welch Wunder? – Home Office doch funktioniert, wird dies einen massgeblichen Einfluss auf die Bürogestaltung und damit auf den Bedarf, aber auch die Qualität von Flächen haben.
  3. Im Wohnungs- und Häusermarkt kann ich mir vorstellen, dass nach der gemachten Erfahrung von drei Monaten mit der ganzen Familie in der Stadtwohnung eine verstärkte Nachfrage nach mehr Raum und mehr Qualität da ist.

All diese Punkte bieten Chancen und Risiken für die gesamte Branche.

9. Wie bereiten Sie sich aktuell auf die Zeit nach Corona vor? Gibt es Massnahmen, die Sie aktuell schon ergreifen?

Archilyse ist ein noch junges Unternehmen und wir sind aktuell im Aufbau der Organisation. Wir versuchen den Brand Archilyse und unsere Lösungen innerhalb der Industrie bekannt zu machen. Diese Aufbauarbeit haben wir nun auf verschiedenster Ebene intensiviert, damit uns die Leute, nachdem das erwähnte Schwungrad wieder läuft, auch kennen und wissen, wie wir sie in der bevorstehenden digitalen Transformation ihrer Geschäftsmodelle unterstützen können. Vielleicht trägt auch dieses Interview etwas dazu bei…

Herzlichen Dank, Roman Schneider, für die interessanten Einblicke!

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