Archilyse fragt: Wie kann die Immobilienbranche Sars-Cov-2 die Stirn bieten?

Interview mit Julien Fersing, Mitbegründer und Geschäftsführer von SWISSROC Building Intelligence

Im heutigen Interview spricht Julien Fersing, Mitbegründer und CEO von SWISSROC Building Intelligence, über seine Erfahrungen mit der Corona-Krise. Swissroc konzentriert sich auf den Bau und die Renovation von Liegenschaften sowie auf den Handel und die Entwicklung von Immobilien.

In der Interviewreihe „Standing up to Sars-Cov-2“ stellen wir Persönlichkeiten aus der Immobilienbranche vor. Wir wollen den Austausch fördern und alle Akteure der Immobilienbranche ermutigen, in dieser herausfordernden Zeit stark zu bleiben und zusammenzustehen.

1. Auf welche Weise waren und sind Sie als Unternehmen vom Sars-Cov-2 Ausbruch am stärksten betroffen (Auftragsrückgang, Einstellung des Betriebs etc.)?

Als Architekturbüro ermöglichte uns die Schließung von Baustellen die Zusammenarbeit mit Projektleitern, um den Bedarf an Zeichnungen und Details genauer zu prognostizieren. Dies wirkt sich auf unsere Zeitpläne aus  und wird vermutlich eine erhöhte Nachfrage nach sich ziehen, wenn die Aktivitäten wieder aufgenommen werden.

Durch die Schliessung öffentlicher Stellen, können wir momentan keine Baugenehmigungen einholen. Diese Verzögerungen, die sich direkt auf die Bauträger auswirken, werden sich auch auf unsere Projektpipeline auswirken.

2. Welche Massnahmen (technische, organisatorische, kundenspezifische) wurden in Ihrem Unternehmen ergriffen? Welche Tipps können Sie anderen aufgrund der damit gemachten Erfahrungen geben?

Unser Unternehmen verfügte bereits über die nötige Infrastruktur, um von zu Hause oder unterwegs arbeiten zu können. Der Übergang ging extrem schnell vonstatten und in weniger als 24 Stunden konnten unsere Teammitglieder vom Home Office arbeiten.

Wir setzen unsere wöchentliche Teambesprechung im Rahmen einer Telefonkonferenz fort, um eine gute Kommunikation zwischen allen Teams zu gewährleisten. Wir glauben, dass ein effizienter Informationsaustausch in einer solchen Situation wichtiger denn je ist.

3. Welche Herangehensweise hatten Sie? Haben Sie z. B. in unterschiedlichen Szenarien oder Zeithorizonten gedacht? Welche Informationsquellen oder methodischen Ansätze haben Sie gewählt?

Wir haben einige Szenarien erstellt, um die Auswirkungen zu bewerten, die COVID-19 auf unser Unternehmen haben könnte. Daraufhin spielten wir verschiedene Lösungen mit dem „What-If„-Ansatz durch. Wir nutzten öffentlich zugängliche Daten sowie interne Parameter, um die Auswirkungen zu ermitteln und die effektivsten Lösungen für jedes Szenario auszuwählen. So bewerteten wir beispielsweise die Aufteilung unserer Unternehmensausgaben und reduzierten oder froren unnötige Kosten ein, um agil und schnell zu reagieren.

4. Was würden Sie heute mit Rückblick auf die letzten Wochen anders machen? Welche Erkenntnisse können Sie bereits jetzt daraus ziehen?

In den ersten Wochen war es schwierig, Prioritäten zu setzen und sich auf wichtige Aufgaben zu konzentrieren, da alles dringend erscheint. Unser Team hat einige Hilfsmittel eingeführt, um die verschiedenen eingehenden Aufgaben auf der Grundlage von drei Bewertungsebenen zu klassifizieren, ähnlich der Arbeitsorganisation von IT-Teams.

Wir haben auch gesehen, dass die meisten unserer Sitzungen über Konferenzschaltungen in kürzerer Zeit durchgeführt werden können, indem wir uns auf klare Ergebnisse konzentrieren. Für künftige Sitzungen werden wir entscheiden müssen, welche persönlich abgehalten werden müssen und welche über eine Telefonkonferenz durchgeführt werden können.

5. Wo liegen für Sie nun die grössten Herausforderungen respektive Bedrohungen in der aktuellen Situation? Wie gehen Sie mit diesen um?

Ein Nachfragerückgang ist zweifellos unsere größte Angst. Gegenwärtig hält sich der Immobilienmarkt im Vergleich zum Börsenmarkt gut. Wir glauben, dass eine Verdoppelung unserer Verkaufsanstrengungen und die Suche nach wichtigen Partnern uns helfen wird, die Pandemie zu überstehen und stärker aus ihr herauszugehen.

Wir analysieren alle internen Prozesse und bemühen uns um mehr Effizienz mittels Einführung neuer Methoden und Arbeitsabläufe.

6. Gibt es positive Aspekte, die Sie dieser Krise abgewinnen können? Welche Chancen ergeben sich?

Als Unternehmen, das die Digitalisierung der Prozesse bereits gut meistert, freuen wir uns zu sehen, dass uns diese Tatsache in dieser Situation in die Hände spielt. Wir haben natürlich nicht darauf gesetzt, dass unsere digitalen Methoden im Falle einer Pandemie nützlich sein werden, aber es zeigt sich, dass COVID-19 Unternehmen dazu zwingt, ihre Einstellung gegenüber neuen Technologien zu überdenken.

In diesem neuen Jahrzehnt werden sich in der Immobilien- und Baubranche einige tiefgreifende Veränderungen vollziehen. Wir könnten diese Krise als einen Anschub für unsere alte, auf Effizienz bedachte Branche begreifen.

7. Reisen wir in die Vergangenheit vor der Krise – Welche Tipps würden Sie sich aus heutiger Sicht selbst geben?

Je mehr Daten und Parameter einem zur Verfügung stehen, desto besser lassen sich verschiedene Szenarien bewerten und Entscheidungen treffen. Ich glaube, wir sollten häufiger die verschiedenen „What-If„-Szenarien auswerten, die uns als Unternehmen beeinflussen könnten. Folglich könnten wir mehr handeln und uns weniger von Ereignissen wie diesem überwältigen lassen.

Ich bin auch der Meinung, dass wir unsere Ausgaben häufiger evaluieren und uns um Einsparungen bemühen sollten, unabhängig davon, wie die Cash-Flow-Situation ist. Gleichzeitig sind mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung der Schlüssel zur weiteren Wettbewerbsfähigkeit. Wir sollten mehr Zeit darauf verwenden, unsere internen Prozesse zu evaluieren und nach alternativen Lösungen zu suchen.

8. Reisen wir in die Zukunft und denken wir uns in den April 2021 – Was wird sich durch diese Krise nachhaltig verändert haben?

Nehmen wir optimistischerweise an, dass wir im April 2021 alles überstanden haben. Vertrauenswürdige und gesicherte Informationen zu bekommen, ist in Krisenzeiten sehr schwierig.

Ich glaube, dass COVID-19 unsere Branche stark dazu ermutigen wird, neue Technologien wie BIM/VDC einzuführen. Damit ist es möglich auch aus der Ferne an einem Projekt zu arbeiten und das Designteam kann besser mit den verschiedenen Interessenvertretern eines Projekts kommunizieren und gleichzeitig die Modelle verwenden.

Ich glaube auch, dass Behörden auf eine vollständige Digitalisierung ihrer Prozesse hinarbeiten und den neuen Marktanforderungen folgen werden.

Schließlich denke ich, dass Blockchain- und Token-Technologien in größerem Umfang eingesetzt werden, um den Übergang des Immobilienmarktes zu einer neuen – digitalen – Realität zu erleichtern.

9. Wie bereiten Sie sich aktuell auf die Zeit nach Corona vor? Gibt es Massnahmen, die Sie aktuell schon ergreifen?

Wir bereiten eine neue Art von Angebotspaketen für unsere Kunden vor, um ihnen stets das beste Verhältnis zwischen Qualität und Preis zu bieten. Wir wissen, dass der Markt nach effizienteren Lösungen auf jeder Ebene eines Projekts verlangen wird. Deshalb überprüfen wir alle unsere Prozesse und erforschen eine neue Art und Weise der Erstellung von Projektentwürfen und Dokumentationen unter Verwendung von Automatisierung und modernen Technologien (z. B. algorithmisches Denken und parametrisches Design auf der Grundlage großer Datenmengen). 

Effiziente Kommunikation ist ebenfalls wichtig. Dazu gehört auch, wie wir unsere Projekte unseren Kunden präsentieren. Die Echtzeit-Visualisierungstechnologie mit virtuellen Besuchen wird immer mehr Käufern helfen, einige Entscheidungen bereits vor Baubeginn zu treffen. Unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung baut aktiv neue Tools aus, um unseren Kunden zu helfen, ihr zukünftiges Heim bequem vom Sofa aus zu entwerfen.

Herzlichen Dank, Julien Fersing, für die interessanten Einblicke!

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