Archilyse fragt: Wie kann die Immobilienbranche Sars-Cov-2 die Stirn bieten?

Interview mit Marcelo Collins, Geschäftsführer bei Viva Real

Wir freuen uns sehr, in der Archilyse Interviewreihe eine weitere Person vorstellen zu dürfen: Marcelo Collins von Viva Real, CEO eines erfolgreichen Schweizer Immobilien-Dienstleistungsunternehmen. In diesem Interview berichtet er, wie sein Unternehmen mit der aktuellen Corona-Situation umgeht.

In unserer Interviewreihe „Sars-Cov-2 die Stirn bieten“ stellen wir jede Woche Persönlichkeiten aus der Immobilienbranche vor. Damit wollen wir den Austausch in der Branche fördern und alle Akteure der Immobilienwirtschaft ermutigen, in dieser herausfordernden Zeit zusammenzuhalten.

1. Auf welche Weise waren und sind Sie als Unternehmen vom Sars-Cov-2 Ausbruch am stärksten betroffen (Auftragsrückgang, Einstellung des Betriebs etc.)?

Wir haben zum Glück die Chancen der Digitalisierung lange vor dem Ausbruch von Sars-Cov-2 erkannt und konnten Dank bestehender flexibler IT-Infrastruktur und bereits digitalisierter Prozesse die tägliche Arbeit schnell und unkompliziert auf Home Office verlegen. So sind wir sehr mobil unterwegs. Unsere MitarbeiterInnen zeigten sich offen und flexibel und arbeiten momentan mehrheitlich von zu Hause aus. Das Tagesgeschäft läuft also fast wie gewohnt weiter.

Umstellen mussten wir uns bei den Wohnungsbesichtigungen und den Ab- und Übergaben. Hier stand und steht die Sicherheit unserer KundInnen und MitarbeiterInnen an erster Stelle. Wir haben mehrere Schritte unternommen, um auch in dieser Situation die bestmögliche Dienstleistung zu bieten. Gewisse Leistungen konnten wir auch hier digitalisieren. Natürlich haben wir uns streng an die Vorschriften des Bundesamtes für Gesundheit gehalten und auch die Hygienemassnahmen verstärkt. 

Am stärksten betroffen sind wir bei den Stockwerkeigentümerversammlungen. Wegen des Versammlungsverbots können aktuell keine Sitzungen abgehalten werden. Auch gewisse Dienstleistungen im Baumanagement sind je nach dem erschwert oder momentan nicht möglich.

2. Welche Massnahmen (technische, organisatorische, kundenspezifische) wurden in Ihrem Unternehmen ergriffen? Welche Tipps können Sie anderen aufgrund der damit gemachten Erfahrungen geben?

Das Zauberwort heisst Digitalisierung. Wir selbst haben, wie erwähnt, bereits viele Prozesse digitalisiert. Die Viva Real AG arbeitet sehr prozess- und kundenorientiert. Dank agiler Strukturen und flacher Hierarchien fanden wir gemeinsam im Team gute Lösungen, die schnell und unkompliziert umgesetzt werden konnten.

3. Welche Herangehensweise hatten Sie? Haben Sie z. B. in unterschiedlichen Szenarien oder Zeithorizonten gedacht? Welche Informationsquellen oder methodischen Ansätze haben Sie gewählt?

Ich halte es generell für sehr wichtig als Unternehmen gelassen und wohl überlegt vorzugehen. Auch in einer solch aussergewöhnlichen Situation braucht man eine klare langfristige Strategie mit einem konkreten Umsetzungsplan und einer Zieldefinition. Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt und für unsere Firma eine Strategie zurecht gelegt, die wir mit flexiblen Anpassungen weiter verfolgen möchten.

4. Was würden Sie heute mit Rückblick auf die letzten Wochen anders machen? Welche Erkenntnisse können Sie bereits jetzt daraus ziehen?

Die Erfahrungen aus den letzten Wochen haben uns gezeigt, dass wir manche Prozesse noch besser abstimmen müssen, um Leerläufe zu vermeiden. Gewisse Instandstellungsaufträge bei Umbauten oder Renovationen von Liegenschaften oder Wohnungen sammeln sich momentan. Damit steigt für uns der Auftragsdruck. Auch das Bedürfnis, Sitzungen oder Begehungen vor Ort möglichst schnell wieder stattfinden zu lassen nimmt zu. Es kann einschneidende Auswirkungen haben, wenn wir etwa die Projektentwicklung nicht wie gewünscht weiter verfolgen können. Allerdings sehen wir aktuell auch viele Chancen. Es ist spannend zu erkennen, dass in einer Krise wie dieser die Schwachstellen unserer Prozesse zutage treten, weil es uns zeigt, wo wir noch besser werden müssen.

5. Wo liegen für Sie nun die grössten Herausforderungen respektive Bedrohungen in der aktuellen Situation? Wie gehen Sie mit diesen um?

Sollten die Massnahmen jetzt bald gelockert werden, müssen wir sehr überlegt handeln. Wir müssen klar priorisieren, welche Aufträge zuerst ausgeführt werden. Viele werden ihre “verpassten” Geschäfte nachholen wollen und wir werden entscheiden müssen, wie wir mit dem möglichen Andrang umgehen. Zudem müssen wir gut planen, wie wir in Zukunft grössere Sitzungen oder Baustellenbegehungen abhalten wollen. 

Man sollte  auch die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen im Auge behalten. Falls die Massnahmen noch weiter verlängert werden, dann müssen wir wohl mit einer wirtschaftlichen Rezession und einer hohen Zahl an Arbeitslosen rechnen. Das könnte auch für unsere Firma schwerwiegende Folgen haben, wenn beispielsweise Mietzinszahlungen ausstehen, etc. Wir wollen positiv bleiben und uns nicht von Angst leiten lassen.

6. Gibt es positive Aspekte, die Sie dieser Krise abgewinnen können? Welche Chancen ergeben sich?

Ich sehe es definitiv so, dass in der Corona-Krise auch viele Chancen stecken. Wir können uns gerade als KMU unter Beweis stellen, in dem wir zeigen, dass wir in Bezug auf die Digitalisierung schon einen grossen Schritt voraus sind. In einer solchen Situation zeigt sich umso deutlicher: Die Digitalisierung bringt entscheidende Vorteile für KundInnen. Wir merken auch, dass wir mit Hilfe der Digitalisierung unsere Dienste besser vermarkten sowie einen konkreten Nutzen aufzeigen und auch die ältere Generation davon überzeugen können.

7. Reisen wir in die Vergangenheit vor der Krise – Welche Tipps würden Sie sich aus heutiger Sicht selbst geben?

Zum Glück hatten wir uns bereits vor der Krise zum Ziel gesetzt, die Nutzung neuer Technologien und die Digitalisierung bei der Viva Real AG voranzutreiben. Wir sind natürlich noch lange nicht am Ziel und haben auch einige Stolpersteine bemerkt, was etwa die Prozessoptimierung angeht. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Luft nach oben gibt es immer =)

8. Reisen wir in die Zukunft und denken wir uns in den April 2021 – Was wird sich durch diese Krise nachhaltig verändert haben?

Ich hoffe, dass wir alle gesund und mit einem geschärften Bewusstsein für solche Ereignisse aus der Krise gehen! Es muss uns klar sein, dass dieser oder ein anderer Virus jederzeit ausbrechen kann. Darauf sollten wir uns als Unternehmen und als Privatpersonen gut vorbereiten und lernen, Risiken einzuschätzen und mit diesen umzugehen.

9. Wie bereiten Sie sich aktuell auf die Zeit nach Corona vor? Gibt es Massnahmen, die Sie aktuell schon ergreifen?

Die wichtigste Vorbereitung ist aus meiner Sicht, als Unternehmen wachsam und agil zu bleiben. Nur so können wir auch in Zukunft auf die kommenden Entscheide des Bundesrates schnell und angemessen reagieren.

Herzlichen Dank, Marcelo Collins, für das Interview!

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