Archilyse fragt: Wie kann die Immobilienbranche Sars-Cov-2 die Stirn bieten?

Interview mit Jan Eckert, CEO Schweiz bei JLL

In unserer neuen Archilyse-Interviewreihe stellen wir Persönlichkeiten aus der Immobilienbranche vor. Sie geben Einblicke, wie sie in ihren Unternehmen mit der aktuellen Corona-Situation umgehen.

Mit dieser Interviewreihe möchten wir den Austausch in der Branche fördern und alle Immobilienunternehmen ermutigen, in dieser herausfordernden Zeit zusammenzuhalten.

1. Auf welche Weise waren und sind Sie als Unternehmen vom Sars-Cov-2 Ausbruch am stärksten betroffen (Auftragsrückgang, Einstellung des Betriebs etc.)?

JLL hat in der Schweiz drei Standbeine, welche folgendermassen betroffen sind:

  • Die Bewertungsmandate laufen unverändert fort. Gerade in unsicheren Zeiten wird diese Dienstleistung sogar noch stärker gefragt.
  • Im Transaktionsmanagement laufen die meisten Deals unverändert weiter, allenfalls mit leichten Verzögerungen. Wir spüren aber eine Zurückhaltung bei der Lancierung von neuen Transaktionen.
  • Bei der Vermietung von Büroflächen spüren wir die Auswirkungen am stärksten, die Nachfrage hat abrupt nachgelassen.

Wir haben dadurch in der Ertragslage eine gewisse Ausgeglichenheit, welche es bisher ermöglicht hat, den Betrieb unverändert fortzusetzen.

JLL ist ein globaler Immobiliendienstleister mit Niederlassungen auf allen Kontinenten, so auch in Gebieten, wo die Krankheit am stärksten verbreitet war und ist. Positiv ist, dass der internationale Austausch unverändert stattfindet. Man kriegt aber auch unmittelbar mit, wie schwer die Krise in anderen Regionen den Menschen und der Wirtschaft zusetzt.

2. Welche Massnahmen (technische, organisatorische, kundenspezifische) wurden in Ihrem Unternehmen ergriffen? Welche Tipps können Sie anderen aufgrund der damit gemachten Erfahrungen geben?

Wir haben innerhalb kurzer Zeit und noch vor dem offiziellen Lockdown auf Home Office umgestellt, um so die Mitarbeitenden zu schützen und einen Beitrag zur Bekämpfung der Ausbreitung zu leisten.

Glücklicherweise verfügten wir über eine funktionierende Infrastruktur, so dass keine wesentlichen Anpassungen nötig waren. Wir haben aber sichergestellt, dass an jedem Wochentag jeweils eine andere Person im Büro die Post bearbeitet, so dass unser Betrieb vollumfänglich gewährleistet ist.

Uns ist wichtig, dass wir unsere Kunden auch während dieser herausfordernden Zeit bestmöglich unterstützen können. Wir hoffen auf eine Aufschwungphase in der zweiten Jahreshälfte. Damit wir dann auch performen können, haben wir unsere Angestellten gebeten, ihre Ferienguthaben anteilsmässig bis im Sommer zu beziehen.

Im Weiteren informieren wir unsere Mitarbeiter wöchentlich über die neusten Entwicklungen in und um JLL. Wir erlauben uns auch, Mitarbeitende ausserhalb ihres definierten Jobprofils einzusetzen, wenn dort ein höherer Bedarf entsteht. Dies haben wir allerdings auch schon vor der Krise so gehandhabt.

3. Welche Herangehensweise hatten Sie? Haben Sie z. B. in unterschiedlichen Szenarien oder Zeithorizonten gedacht? Welche Informationsquellen oder methodischen Ansätze haben Sie gewählt?

JLL hat zwei Szenarien entworfen, um auf den weiteren Geschäftsverlauf vorbereitet zu sein. Im Szenario A  wird ein schwieriges 2. und 3. Quartal erwartet, gefolgt von einem moderaten Aufschwung im 4. Quartal und einer anschliessenden Stabilisierung im Jahr 2021. Aktuell gehen wir von diesem Szenario aus.

Im Szenario B würde nach den schwierigen Quartalen 2 und 3 ein noch schlechteres Q4 folgen. Eine Erholung der Wirtschaft wäre erst im 2. Quartal 2021 zu erwarten. Wenn es die Situation erfordert, was wir nicht hoffen, könnten wir vom Szenario A auf B wechseln und die entsprechenden finanziellen und operativen Massnahmen ergreifen.

4. Was würden Sie heute mit Rückblick auf die letzten Wochen anders machen? Welche Erkenntnisse können Sie bereits jetzt daraus ziehen?

Ich hätte mir vor dem Lockdown die Haare schneiden und die Wohnung putzen lassen.

5. Wo liegen für Sie nun die grössten Herausforderungen respektive Bedrohungen in der aktuellen Situation? Wie gehen Sie mit diesen um?

Die grösste Herausforderung liegt in der Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Krise und den damit verbundenen strategischen und operativen Entscheidungen. Welche Massnahmen sollen wann getroffen werden?

Sollte die Krise länger dauern oder sich gar verschärfen, kann es verheerend sein, noch weiter abzuwarten. Umgekehrt könnte ein zu frühes Umstellen in den Überlebensmodus unseres Szenario B eine kommende Aufschwungphase abwürgen. Was richtig (gewesen) wäre, kann wohl erst rückblickend beurteilt werden.

6. Gibt es positive Aspekte, die Sie dieser Krise abgewinnen können? Welche Chancen ergeben sich?

Vielen ist es aktuell möglich, mehr Zeit mit ihren Familien zu verbringen, auch wenn das neben der Berufstätigkeit eine zusätzliche Herausforderung darstellen kann. Positiv sind sicherlich die Hilfsbereitschaft und Motivation unserer Mitarbeitenden, welche unter erschwerten Bedingungen jeden Tag versuchen ihr Bestes zu geben und es so auch schaffen, selbst in dieser schwierigen Zeiten Erfolge zu erzielen.

Wir hoffen, dass wir diese bald gemeinsam feiern können. So gut «Remote Working» bei uns auch funktioniert, ich werde mich zukünftig über die persönlichen Kontakte und ein Essen im Restaurant (nach erfolgtem Coiffeurbesuch) noch mehr freuen.

7. Reisen wir in die Vergangenheit vor der Krise – Welche Tipps würden Sie sich aus heutiger Sicht selbst geben?

Ich denke, es ist noch zu früh, um die richtigen Tipps zu geben. Ich bemühe mich, die Geschäftsaktivitäten voranzutreiben und die Entwicklungen aufmerksam zu beobachten, um schnell und zweckmässig agieren zu können. Dabei werden auch mir Fehler unterlaufen, welche aber hoffentlich korrigierbar sind.

8. Reisen wir in die Zukunft und denken wir uns in den April 2021 – Was wird sich durch diese Krise nachhaltig verändert haben?

Während sich die Einstellung zu Home Office bei einigen Unternehmen lockern dürfte, gehe ich davon aus, dass auch in einem Jahr noch mit gewissen Reiseeinschränkungen gerechnet werden muss. Für einen internationalen Konzern wie JLL bedeutet dies, dass anstelle von Geschäftsreisen vermehrt Telefonkonferenzen und -workshops durchgeführt werden.

Es ist weiter zu erwarten, dass verschiedenen Firmen proaktiv zukünftige Krisenszenarien durchspielen. Das kann dazu führen, dass man betriebsnotwendige Komponenten vermehrt im Inland herstellt oder einen Lagervorrat anlegt. Allenfalls wird auch versucht, Positionen von Fixkosten durch variable zu ersetzen, sei es über entsprechende Anstellungs- oder Mietverhältnisse, um so bei einem zukünftigen Schock schnell in einen kostengünstigen Krisenmodus schalten zu können.

Herzlichen Dank, Jan Eckert, für das Interview!

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